
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Wir haben Zeit. Nicht alle Zeit der Welt - das wissen wir allzu gut aus der Erfahrung und aus dem Terminkalender. Nein, wir haben viel mehr Zeit: alle Zeit des Himmels. Gottes Zeit. Zeit der Freiheit. Fastenzeit. Österliche Bußzeit. Auferstehungszeit.
In die Fastenzeit fällt im heurigen Jahr 2007 ein wichtiger Tag für die Pfarren und für die Kirche in ganz Österreich: Am Sonntag, den 18. März, werden die Pfarrgemeinderäte neu gewählt. Ich rufe alle jene auf, die als Kandidatinnen und Kandidaten vorgeschlagen wurden, sich nach Möglichkeit der Wahl zu stellen. Jene, die am 18. März nicht in den Pfarrgemeinderat einziehen, ersuche ich, sich in den Ausschüssen und Gruppen zu engagieren und sich als Ersatzmitglieder bereit zu halten. Alle Gläubigen bitte ich, bei der PGR-Wahl ihre Stimme abzugeben und dadurch ein Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Pfarre und unserer Kirche zu geben.
In den letzten fünf Jahren haben in der Erzdiözese Salzburg an die 2800 Personen diesen wichtigen Dienst geleistet (in ganz Österreich über 43.000). Ich möchte allen, die sich hier eingesetzt haben, ein großes, herzliches Vergelt’s Gott sagen. Oft ist es ein stiller, nicht spektakulärer Dienst, der aber gerade in seiner unaufdringlichen Verlässlichkeit so wichtig ist. Gott sei Dank wird das Pfarrleben von vielen mitgetragen – nicht nur vom Pfarrgemeinderat. Das viele Gute, das geschieht, braucht Organisation, und die wird vom Pfarrgemeinderat vielfach geleistet, sodass man ihn gewissermaßen als das „Rückgrat“ des ehrenamtlichen Engagements in den Pfarren bezeichnen kann.
Es geht aber nicht nur um die Aktion, um das Tun. Als eine Art demokratisches Element in der Kirche bilden die Pfarrgemeinderäte eine wichtige Verbindungsstelle zu unserer demokratisch verfassten Gesellschaft. Die Pfarrgemeinderäte sind Stimme des Volkes. Als Hirten tun wir gut daran, diese Stimme zu hören, wie Papst Johannes Paul II. betont hat (vgl. Novo Millennio Ineunte 45). Es geht dabei nicht um das Durchsetzen von Mehrheiten, sondern um das Zuhören und das ehrliche Ringen um gemeinsam vertretbare Entscheidungen. In der Tiefe geht es darum, gemeinsam hin zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt (vgl. Offb 2,7). Denn der Geist Gottes ist wirksam in allen Gliedern der Kirche – und auch darüber hinaus. Darum müssen wir aufmerksam hinhören, wo und wie er sich kundtun will. In diesem Sinn wollen wir auch die Wahl verstehen. Als Erzbischof bin ich gespannt, in welcher Weise sich der Geist Gottes kundtun wird durch die Entscheidungen am 18. März.
Bequemer wäre es, diesem Aufbruch, dieser Mobilisierung der Kräfte, dieser Prüfung der Bereitschaft, welche die Wahl den Pfarren alle fünf Jahre zumutet, auszuweichen. Gerade darum passt der Wahltermin so gut in die Vorbereitungszeit auf Ostern. Denn die Fastenzeit ist eine Zeit des Aufbruchs, eine Zeit der Freiheit, eine Zeit der Öffnung für das, was Gott uns schenken will. – Ich lade Sie ein, dass wir gemeinsam für diesen Aufbruch beten. In besonderer Weise können wir dies tun durch die Beteiligung an der „Großen Novene“, die uns durch das Jahr 2007 begleiten soll.
Schon bei der Wallfahrt der Völker, beim Mittel-Europäischen Katholikentag im Mai 2004 haben wir den Aufruf der Bischöfe vernommen: „Versteckt euren Glauben nicht! Bleibt nicht am Rand des Weges in die gemeinsame Zukunft stehen! Geht mit, denkt mit, redet mit, arbeitet mit, sucht Allianzen mit allen Menschen guten Willens. Jeder von euch kann dazu etwas Kostbares beitragen.“ Dahinter stehen die großen Anliegen, die uns auch in Zukunft begleiten werden: „Den Menschen Christus zeigen. - Beten lernen und beten lehren. - Das Glaubenswissen vermehren und vertiefen. - Zeichen setzen. - Die Sonntagskultur bewahren. - Leben schützen und entfalten. - Die Solidarität in Europa und weltweit fördern.“
„Lebensräume gestalten – Glaubensräume öffnen“ ist nicht nur das Motto der Wahl, sondern das Motto für die Vorbereitung auf die Feiern mit dem Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. am 8. September 2007 in Mariazell, und der Leitsatz, der die Pfarrgemeinderäte 2007 bis 2012 begleiten soll. Vertreter der neu gewählten Pfarrgemeinderäte sind in besonderer Weise am 8. September nach Mariazell eingeladen und werden dort für ihren Dienst gesendet werden.
Der Prophet Jesaja (58,6ff) sagt uns, welche Art des Fastens Gott gefällt: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. - Das ist ein Fasten, wie ich es liebe, sagt Gott. – Das ist gemeint, wenn wir davon sprechen, Lebensräume zu gestalten und Glaubensräume zu öffnen: Zeugen der Liebe Gottes zu sein, sich selbst dieser Botschaft zu öffnen und als Beschenkte, Befreite, Erlöste für die Menschen da zu sein und unsere Gesellschaft mitzugestalten.
Ich wünsche mir, dass viele erfahren können: Ja, unsere Pfarren bieten Räume für ein Engagement, das unsere Gesellschaft menschlicher, weil christlicher macht und beiträgt zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – ein Netzwerk der Menschenfreundlichkeit Gottes.
Wir haben Zeit: Die Zeit des Himmels, Gottes Zeit. Denn wir sind Geliebte, wir sind Erlöste. Alle Menschen hat Gott erlöst. Als Mensch und Gottes Sohn hat er unter uns gelebt: Jesus aus Nazareth. Er war bereit, alles zu ertragen, um uns seine Liebe zu zeigen. Zu Ostern werden wir feiern, dass Gott die Liebe stärker sein lässt als den Tod. Er vollbringt das Unmögliche, das Undenkbare: Jesus steht von den Toten auf. Er ist Christus, der Erlöser. – Wir sind Erlöste. Wir müssen uns nur die Räume unseres Herzens aufmachen lassen von IHM, damit unser Herz licht werden kann: als Lebensraum, als Glaubensraum – für Gott und für die Menschen.
Mit auf dem Weg – gestärkt durch den Segen des Drei-Einen Gottes: des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes,
euer
Erzbischof
Salzburg, am Fest der Darstellung des Herrn, 2. Februar 2007