
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Im heurigen Advent erlaube ich mir, Sie etwas Besonderes zu fragen: Was bereitet Ihnen Freude? Was berührt Sie im Herzen? Was macht Sie glücklich? Ist es das Lachen eines Kindes? Die Erfüllung eines Lebenstraumes? Oder einmal so richtig ausruhen zu können nach einer intensiven und anstrengenden Arbeitswoche? Ist es Glück, wenn in einer schwierigen Situation plötzlich eine helfende Hand auftaucht? Wenn Türen nicht verschlossen bleiben, sondern geöffnet werden?
Was macht Menschen glücklich? Eine Schülerin sagt, dass sie sich freut, wenn sie bei einer Schularbeit eine gute Note bekommt, wenn sie nette Menschen um sich hat und wenn die Sonne scheint. Von einem Vater ist zu hören, dass er glücklich ist, wenn alle in der Familie gesund sind. Er freut sich, wenn die schon erwachsenen Kinder nach Hause auf Besuch kommen. Ein Mann im besten Alter sagt, dass es für ihn Glück ist, dass er nach seiner schweren Krankheit wieder arbeiten gehen kann. Die frische Luft zum richtig Durchatmen tut ihm besonders gut, aber auch ein gutes Essen und vor allem viel Licht. Das macht ihn glücklich.
Es sind nicht immer die „großen Dinge“ des Lebens, die für uns Menschen Glück bedeuten. Oft sind es die „kleinen Dinge“, eine kleine Aufmerksamkeit, ein netter Gruß, ein paar freundliche Worte. In diesen „kleinen Dingen“ können wir auch die großen Sehnsüchte des Lebens erkennen, nach Gesundheit, Frieden, Freiheit, Anerkennung und Liebe. Liebe ist die verbindende Kraft, die neues Leben hervorbringt, die Grenzen zum anderen hin überschreitet. Liebe steht im Zentrum der christlichen Botschaft: „Gott ist die Liebe“ (1. Johannesbrief 4,16). Wir sind von Gott geliebte Töchter und Söhne und können mit ganzem Leib und mit ganzer Seele darauf vertrauen. So wie wir sind, sind wir angenommen, akzeptiert und von Gott geliebt. Glücklich sind wir, wenn es uns gelingt, dies in seinem ganzen Ausmaß zu erfassen.
Diese tiefe Geborgenheit in der Liebe Gottes ermöglicht uns, dass wir uns selbst lieben können, so wie wir sind. Diese Liebe öffnet uns schließlich zu unseren Nächsten. Sie engt uns nicht ein, sondern macht uns frei. Sie schafft neue Lebensmöglichkeiten für uns und für andere. Diese Liebe macht Beziehung möglich. Sie wird zur Nächstenliebe. Sie macht uns frei für ein Stück Glück.
Diese Erfahrung hat auch Charles Kavuma aus Uganda in Afrika gemacht. Er erzählt uns: “Mein Papa war vom Pech verfolgt. Beim Kühehüten hob er eine Landmine auf. Sie explodierte, riss ihm den rechten Unterarm weg und ließ ihn erblinden. Im August vorigen Jahres brannte noch dazu unsere Hütte ab. Aus Geldmangel konnten wir dann nur eine notdürftige Behausung aus Bananenblättern bauen”, erzählt Charles traurig. Doch sein Vater hat nicht aufgegeben. Er hat immer versucht, das Beste aus seiner schwierigen Situation zu machen, und dann kam auch das Glück zurück: Seine Familie hat von der Aktion SEI SO FREI und dem Hilfsprogramm für Menschen mit Behinderung erfahren. Charles Vater hat für die kleine Landwirtschaft ein Schwein und fünf Ferkel bekommen, finanziert aus der Adventsammlung der Aktion SEI SO FREI. Auch beim Bau eines neuen Lehmhauses wird Charles Familie geholfen. Dafür und für die Ausweitung des Hilfsprogramms auf weitere Dörfer sammeln wir diesen Advent in den Pfarrkirchen unserer Erzdiözese. Mit der Adventsammlung „Bruder in Not“ der Aktion SEI SO FREI der Katholischen Männerbewegung können wir, nach guter Tradition, dazu beitragen, dass auch anderen Menschen in den armen Ländern Afrikas und Lateinamerikas zumindest ein kleines Stück Glück zuteil wird. Für diesen Beitrag zum Glück anderer möchte ich mich schon jetzt bei Ihnen allen sehr herzlich bedanken.
Der Prophet Jesaja spricht vom Glück auf seine Weise: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht, über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte …“ (Jes 9,1-2). Es ist die Freude, wie der Prophet Jesaja schreibt, über die Geburt des göttlichen Kindes. Die Freude bei der Geburt eines Kindes ist unaussprechlich groß.
Mit dieser Freude im Herzen bin ich mit Dank erfüllt, wenn ich sehe, was alles an Gutem in unserer Erzdiözese da ist: Es gibt viele Orte des Glücks und der Freude, wenn ich etwa Menschen sehe, die zusammen arbeiten und Kirche leben, die sich für die Armen in Afrika einsetzen und auf diese Weise Weltkirche erfahrbar machen. Unsere Erzdiözese hat eine enorme Vielfalt. Von Brandberg imZillertal über Krimml im Oberpinzgau, Ramingstein im Lungau bis nach Köstendorf im nördlichen Flachgau gestalten engagierte Laien, kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Diakone und Priester eine lebendige Kirche. Das erfüllt mich mit Freude und dafür bin ich Ihnen dankbar.
Ich segne Sie und unsere Erzdiözese in der Hoffnung, dass wir frei sein können für ein Stück Glück und den Segen, den Gott uns schenkt.
In der Freude über Gottes Kommen
euer
+ Alois Kothgasser Erzbischof