
Für das Jubeljahr 2000 hatte Papst Johannes Paul II. im Blick auf die „Neue Evangelisierung“ an der Schwelle zum 3. Jahrtausend den dringlichen Wunsch geäußert, dass die Christen „mit neuem Interesse zur Bibel zurückkehren mögen“ (Tertio Millennio Adveniente 40), denn das Wort Gottes sei immer noch „der Maßstab für die Evangelisierung, für das persönliche wie für das kirchliche Leben und für die Ökumene.“
Auf dem Weg in das neue Jahrtausend wurde ein „Jahr der Bibel“ an den Anfang gestellt. Denn nichts kann uns besser führen und begleiten als Gottes lebendiges Wort. Der Ruf nach Erneuerung der Kirche wird immer dringlicher. Woher soll sie kommen? Durch persönlichen Umgang mit Gott im Gebet, durch das Hören auf Gottes Wort, durch die Feier der Sakramente, vor allem der Versöhnung und der Eucharistie, und das konkrete Tun der Liebe.
Gottes Wort ist lebendig und wirksam
Der Prophet Amos verkündet: „Seht, es kommen Tage – Spruch des Herrn -, da schicke ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn“ (Am 8,11). Beim Propheten Jesaja wird die Wirkkraft des Wortes Gottes in anschaulicher Weise beschrieben: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,10-11). Die Kirche glaubt, dass das Neue Testament im Alten Testament angelegt ist und das Alte Testament sich im Neuen enthüllt.
Wie in einem Brennpunkt sammeln sich alle Bedeutungen von „Wort Gottes“ in Jesus Christus, dem Mensch gewordenen Wort (Joh 1,14). Gott, der einst „viele Male und auf vielerlei Weise“ durch die Propheten zu seinem Volk redete, hat „in dieser Endzeit“ zu uns gesprochen durch seinen Sohn (Hebr 1,1-2). Die Heilige Schrift gibt uns Zeugnis von diesem unserem Gott, der in der Geschichte Israels und im Leben Jesu zu uns Menschen redet. Mit Recht sagt Hugo von St. Victor: „Die ganze Schrift ist ein einziges Buch, und dieses einzige Buch ist Christus.“
Der Völkerapostel Paulus bekennt im Angesicht der Weltstadt Rom: „Griechen und Nichtgriechen, Gebildeten und Ungebildeten bin ich verpflichtet; so liegt mir alles daran, auch euch in Rom das Evangelium zu verkünden. Denn ich schäme mich des Evangelium nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt ...“ (Röm 1,14–16). Im Brief an die Hebräer wird betont: „Lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden“ (Hebr 4,12–13).
Am Tisch des Wortes
Das vermutlich wichtigste und für die Erneuerung der Kirche bedeutsamste Dokument des II. Vatikanischen Konzils ist die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ (1965). Diese ist gleichsam die Magna Charta für jede Begegnung mit der Bibel. In „Dei Verbum“ heißt es: „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren“ (DV 2; vgl. auch 6). Höhepunkt dieser Selbstmitteilung ist Jesus Christus, das Mensch gewordene Wort Gottes (Joh 1,14). Dieses Dokument macht bewusst, dass Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach „Menschenart“ spricht (DV 12), dass die Autoren der biblischen Schriften „echte Verfasser“ (DV 11) sind. Darin zeigt sich eine „wunderbare Herablassung Gottes“. Dennoch bleibt Gott der eigentliche Urheber der Heiligen Schrift. Die Auslegung der Bibel ist darum eine zweifache Aufgabe. Wir müssen einerseits „sorgfältig erforschen“ (DV 12), was die biblischen Autoren wirklich sagen wollen. Dazu dienen auch die Methoden und Hilfsmittel der modernen Bibelwissenschaft, für die wir sehr dankbar sein sollten. Andererseits gilt es herauszuhören, was Gott selbst mit den Worten dieser Autoren kundtun will. Dabei gilt der Grundsatz, dass „die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde“ (DV 12). Be5 sonders wertvoll ist ein Dokument der Päpstlichen Bibelkommission mit dem Titel „Die Auslegung der Bibel in der Kirche“ (1963). Gottes Wort in den Heiligen Schriften vernehmen heißt, auf den Gott hören, der weiterhin und ohne Unterlass im Gespräch ist mit seiner Kirche, „damit die ganze Welt im Hören auf die Botschaft des Heils glaubt, im Glauben hofft und in der Hoffnung liebt“ (DV 1).
Mit Recht betont das Konzil: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht“ (DV 21). Darum gilt: „Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offen stehen“ (DV 22). Die Bibel wurde zum bestimmenden Element der Erneuerung der Theologie, des Religionsunterrichtes, der Katechese und der Liturgie. Gottes Wort steht am Ursprung und im Mittelpunkt des Lebens zahlreicher kirchlicher Vereinigungen, Gruppen und Bewegungen; die Bibel beseelt und fördert den ökumenischen Dialog. Sie macht bewusst, dass das, was uns verbindet, weit mehr ist als das, was uns trennt.
Der Umgang mit dem Wort Gottes Weil Gottes Wort so kostbar, wirksam und für das Leben fruchtbar ist, muss alle Liebe dafür angewandt werden, dieses Wort Gottes zu ehren, es in würdiger Weise und an entsprechender Stelle im Gotteshaus, in der Familie, im persönlichen Wohnraum aufzubewah6 ren. Jede Christin und jeder Christ sollte es als eine persönliche Ehre betrachten, eine schöne und vollständige Ausgabe der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes, möglichst in der nunmehr meist gebrauchten „Einheitsübersetzung“ zu besitzen. Seit neuestem gibt es die vollständige Bibel auch zum „Hören“, in hundert CDs. Vor allem die Blinden werden sich freuen, die Bibel nicht zu ertasten, sondern nun auch hören zu können.
In den großen Synoden und Konzilien der Kirche wird immer als erstes die Heilige Schrift feierlich inthronisiert, verehrt und damit in die Mitte des kirchlichen Denkens, Redens, Suchens und Lebens gestellt. In ähnlicher Weise sollte der Umgang mit dem Worte Gottes in der Liturgie erfolgen. Die Pflege der liturgischen Bücher, vor allem des Lektionars und Evangeliars, sowie die würdige Gestaltung des Ambos, von dem aus die Frohe Botschaft verkündet wird, müsste jeder Pfarrgemeinde und jeder Gemeinschaft ein Herzensanliegen sein. Wer immer Gottes Wort vorträgt und verkündet, in den Lesungen oder Evangelien, sollte sich gut auf diesen Dienst am Worte Gottes und an der Gemeinde der Gläubigen vorbereiten. Besonderer Dank gilt all denen, die sich um diese Ausbildung bemühen.
Weil Gottes Wort so kostbar, wirksam und für das Leben fruchtbar ist, kann Gottes Wort im Wortgottesdienst der Eucharistiefeier durch keine andere Lesung ersetzt werden, auch nicht in Eucharistiefeiern oder Wortgottesdiensten mit Kindern und Jugendlichen. Im 7 Wort Gottes wirkt Gottes Geist. Er macht es in den Herzen der Menschen lebendig. Das Menschenwort allein vermag nicht Leben zu schenken.
Die Bibel ist übrigens das große Gebetbuch der Kirche. Unerschöpflich erweist sich der Gebetsschatz, der in den Heiligen Schriften begegnet. Mit dem Wort Gottes beten hat ganz besondere Kraft, weil der Heilige Geist mit Gottes Wort in uns betet. Es wäre schön, könnte in diesem Bibeljahr jede kirchliche Versammlung oder Sitzung mit Gottes Wort beginnen. Der bewusste Umgang mit dem Wort Gottes wird uns helfen, im Lichte der Bibel die Zeichen des Geistes Gottes in der Welt und in der Geschichte zu erkennen, Erfahrungen und Ereignisse zu unterscheiden und wahrzunehmen, welcher Geist uns und die Geschehnisse treibt.
Der Umgang mit der Bibel ist eine Erfahrung von einmaliger menschlicher und kultureller Dichte, weil die Bibel das Buch der Vergangenheit, das Buch der Gegenwart und das Buch der Zukunft ist. Die Bibel ist ein Ort des Lebens, in dem sich die Fragen und Antworten, die Leiden und Freuden, die Zweifel und Gewissheiten des Menschen jeden Zeitalters spiegeln. Sie ist auch die Quelle vieler historischer, künstlerischer und kultureller Ereignisse, ein wahres Erbe der gesamten Menschheit.
Anleitung zum rechten Verstehen der Bibel
Auf dem Weg nach Emmaus eröffnete der auferstandene Herr den Jüngern die Schriften, so dass ihr Herz brannte (Lk 24,32). Und der Apostel Philippus half dem Äthiopier auf der Straße, den Propheten Jesaja zu verstehen, den dieser eben las (Apg 8,26-35). So braucht es auch heute in der Kirche Menschen, die Gottes Wort erklären, die einander „anleiten“ (Apg 8,31) beim Bemühen um das rechte Verständnis der Heiligen Schrift. Mit Recht sagt der hl. Hieronymus: „Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen.“ Papst Gregor der Große mahnt: „Lerne das Herz Gottes in den Worten Gottes erkennen.“
Bei der Auslegung der Bibel gilt es zunächst, den Heiligen Geist anzurufen, um Gottes Wort in dem Geist zu lesen und zu erstehen, in dem es geschrieben wurde. Es braucht die Öffnung und die Bereitschaft zum Hören, wie bei Maria von Nazaret, um Gottes Wort aufzunehmen, es im Herzen zu bewegen und in die Tat umzusetzen.
Das Bibeljahr 2003 soll uns helfen, die Bibel allein und in der Gruppe kennen zu lernen und zu lesen. Das Bibeljahr soll uns ermutigen, uns in der direkten Begegnung dem geschriebenen Wort Gottes zu stellen, und uns befähigen, das Wort zu hören, zu beten und im täglichen Leben umzusetzen. Das Bibeljahr soll Möglichkeiten für bestimmte Formen des Austausches schaffen, wie dies in den Bibelrunden geschieht. Das Bibeljahr soll uns ermutigen, Gottes Wort in den Familien. Pfarrgemeinden, Gemeinschaften und Bewegungen wirksam werden zu lassen. Dafür möchte ich im Anhang einige praktische Anleitungen zum Umgang mit der Bibel geben.
In der Liebe zum Wort Gottes und zum Leben verbunden grüßt und segnet das Jahr 2003 und Sie alle im Namen des Vaters + und des Sohnes + und des Heiligen Geistes +
Ihr
Erzbischof
Salzburg, am Aschermittwoch 5. März 2003
Die Geistliche Schriftlesung
Um den Sinn der Heiligen Schrift zu erfassen, brauchen wir die Hilfe des Heiligen Geistes, aber auch unser eigenes Bemühen. Eine bewährte Form des Hörens auf Gottes Wort und des Umgangs mit der Heiligen Schrift ist die Geistliche Schriftlesung – die Lectio Divina. Diese hat eine gewisse Ordnung: Gebet – Lesung – Meditation – Schriftgespräch – Kontemplation – Handeln (lateinisch: oratio – lectio – meditatio – collatio – contemplatio – operatio). Wer diese Ordnung beachtet, übersieht nichts Wichtiges und wird vor einseitigem Lesen der Heiligen Schrift bewahrt.
Der vierfache Schriftsinn
Eine der Methoden, die im Laufe der Jahrhunderte erarbeitet wurde, ist die Schriftlesung im Sinne des vierfachen Schriftsinnes. Diese hilft, den ganzen Reichtum der Schrift zu heben.
Ein erster Schritt ist die Aufmerksamkeit dem „Buchstaben“, dem wörtlichen Sinn, gegenüber. Dabei achtet man auf die handelnden Personen, Ortsangaben, Zeitangaben usw. und stellt sich mitten in das Geschehen hinein. Man kann dabei eine Antwort auf ganz einfache Fragen versuchen: was – wozu – wann – wo – wie – mit welchen Mitteln?
Ein zweiter Schritt lädt zur gläubigen Sicht ein. Es geht darum, das Geheimnis des Wirkens Gottes, Christi und des Heiligen Geistes zu entdecken. Es geht um den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift und des Glaubens, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und des Zusammenhangs der Glaubenswahrheiten untereinander im Gesamtplan der Offenbarung.
Der dritte Schritt geht auf die Suche nach „Lebensweisung“ und „Lebenshilfe“. Hier wird versucht zu erkennen, wer wir selbst sind und was wir tun können und sollen.
Der vierte und letzte Schritt geht schließlich auf die Suche nach den Gründen der Hoffnung, die uns trägt. Dieser Schritt antwortet auf die Frage: In welche Richtung kann ich hoffen? Die Bibel wird darin auf dem Hintergrund unserer heutigen Sinn- und Zukunftsfragen gelesen und befragt.
Ein geeigneter Ort
Ich suche mir einen geeigneten Ort und richte ihn mit einfachen Mitteln her: Eine Kerze, ein Kreuz, ein Bild oder eine Pflanze geben diesem Platz Atmosphäre. Ich lege fest, wie viel Zeit ich mit dem Bibeltext verbringen möchte und sorge so gut es geht dafür, dass ich nicht gestört werde. Ich halte Papier und Stift bereit, falls ich etwas notieren
möchte.
Die innerliche Bereitung
An meinem Platz gönne ich mir einige Augenblicke, um auch innerlich anzukommen. Bewusstes Atmen ist beim Stillwerden hilfreich. Nach einem Gebet zum Heiligen Geist wende ich mich dem Bibeltext zu.
Dem Schriftwort persönlich begegnen
Ich lese die Bibelstelle langsam einmal zur Gänze durch, eventuell auch laut, um wahrzunehmen, wie sich der Text anhört. Auch wenn mir der Text schon sehr vertraut ist, versuche ich ihn zu lesen, als wäre es zum ersten Mal. Ich lasse ihn auf mich, auf meine ganz konkrete
Lebenssituation wirken. Auf verschiedene Weise kann sich mir die Botschaft des Textes erschließen: Ich kann den Text nach einem Wort oder Vers abtasten, der mich ganzheitlich anspricht, und so lange dabei
bleiben, wie es mich bewegt. Ich kann mit meiner Vorstellungskraft das Erzählte vor meinem inneren Auge wie in einem Film lebendig werden lassen. Ich kann mich mitten in das Geschehen als Teilnehmer oder Teilnehmerin hineinbegeben. Ich kann versuchen, das Gehörte mit eigenen Worten nachzuerzählen, eventuell es auch aufzuschreiben. Ich kann auch in die Rolle einer biblischen Person schlüpfen und aus ihrem Blickwinkel die Begebenheit erleben. Ich achte darauf, was im Umgang mit dem Bibeltext in mir lebendig wird. Dort kann ich anknüpfen und die Botschaft auf mich und die Welt von heute beziehen.
Im Heute Gottes mit den Menschen leben
Wenn sich meine Zeit mit dem Bibeltext dem Ende zuneigt, versuche ich mir zu vergegenwärtigen, was für mich heute wichtig war: ein Gedanke, eine Frage, ein inneres Bild, ein Wort. Vielleicht möchte ich dazu etwas gestalten, z.B. ein Erinnerungskärtchen, oder einen kurzen Eintrag in mein Tagebuch machen. Den Abschluss finde ich mit einem Gebet, einem Kreuzzeichen oder einer tiefen Verneigung und dem Willen, das Empfangene zu leben und weiterzugeben.
Voraus zwei Bitten:
1. Verstehendes Zuhören (auf die Bibel und auf die anderen) ist wichtiger als diskutieren und belehren!
2. Die eigenen Mitteilungen kurz fassen.
Methode LUMKO (Lumko ist ein Bibelzentrum in Südafrika) - ein meditativer Zugang in sieben Stufen:
Methode Bludesch, Vbg. – fünf Fragen nach dem Inhalt des Bibeltextes: