
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Am 25. Dezember, dem Hochfest der Geburt des Herrn, im Jahr 2005 hat Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika unterschrieben und diese am Fest der Bekehrung des Völkerapostels Paulus, am 25. Jänner 2006 der Öffentlichkeit übergeben. Dieses Rundschreiben mit dem Titel „Deus caritas est“ kreist um die Aussage des ersten Johannesbriefes (4,16): „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Damit ist Ursprung, Ziel und Weg unseres Lebens angegeben. Ein neueres Lied singt darum zu Recht: „Aus deiner Liebe, Herr, bin ich geboren und bin geliebt seit Ewigkeit.“
Dieses Rundschreiben Papst Benedikts XVI. kann menschliches und christliches Leben durch das neue Jahrtausend begleiten. Es zeigt, was das Wesentliche und Unterscheidende christlichen Lebens ist und bleibt. Leben Christen anders? Die aufmerksame Lektüre dieses päpstlichen Rundschreibens, die ich allen Gläubigen wärmstens empfehle, zeigt, worin das Andere und das Eigentliche christlichen Lebens besteht.
Aus dem dritten Jahrhundert stammt der so genannte Brief an Diognet, der die Situation der Christen in der Welt beschreibt. Darin lesen wir: „Die Christen sind Menschen wie die übrigen: Sie unterscheiden sich von den anderen nicht nach Land, Sprache oder Gebräuchen. Sie bewohnen keine eigene Stadt, sprechen keine eigene Mundart, und ihre Lebensweise hat nichts Ungewöhnliches. Auch haben sie ihre Lehre nicht durch ihr eigenes Nachdenken und durch wissensdurstige Forschung gefunden. Sie ragen auch nicht, wie das einige Gelehrte tun, durch menschliche Weisheit hervor. Sie wohnen vielmehr in den Städten der Griechen und der Barbaren, wie es einem jeden das Los beschieden hat, und folgen den jeweils einheimischen Gesetzen in Kleidung, Nahrung und im ganzen übrigen Leben.
Wie sie jedoch zu ihrem Leben als solchem stehen und es gestalten, darin zeigen sie eine erstaunliche und, wie alle zugeben, unglaubliche Besonderheit. Sie wohnen zwar in ihrer Heimat, aber wie Zugereiste aus einem fremden Land. An allem haben sie teil wie Bürger, ertragen aber alles wie Fremde. Jede Fremde ist ihnen Heimat und jede Heimat Fremde. Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, aber sie verstoßen nicht die Frucht ihres Leibes. Den Tisch haben sie alle gemeinsam, nicht aber das Bett … Die Christen leben sichtbar in der Welt und sind doch nicht von der Welt.“ Wie steht es heute in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft? Leben Christen anders?
Der heilige Franz von Assisi hat einer Überlieferung nach am Ende seines Lebens einem seiner Freunde, dem Bruder Tankrez, folgendes aufgetragen: „Der Herr hat uns zu den Menschen gesandt, das Evangelium zu verkünden. Aber hast du schon darüber nachgedacht, was es bedeutet, die Leute zu evangelisieren? Einen Menschen evangelisieren heißt, ihm zu sagen: Auch du wirst von Gott geliebt in unserem Herrn Jesus Christus. Und es ihm nicht nur sagen, sondern es wirklich denken, und es nicht nur denken, sondern sich diesem Menschen gegenüber so verhalten, dass er spürt und entdeckt, dass in ihm etwas Erlöstes steckt, etwas, das größer und edler ist, als er dachte. Das heißt, ihm die gute Botschaft verkünden. Du kannst es nur tun, wenn du ihm deine Freundschaft anbietest. Eine wirkliche Freundschaft, uneigennützig, nicht herablassend, die aus Vertrauen und tiefer Wertschätzung besteht.
Man muss auf die Menschen zugehen. Die Aufgabe ist schwierig. Die Welt der Menschen ist ein gewaltiges Schlachtfeld, wo es um Reichtum und Macht geht. Und viele Schmerzen und Grausamkeiten verbergen das Gesicht Gottes. Ganz anders sollten wir ihnen begegnen, wenn wir auf sie zugehen. Wir müssen mitten unter ihnen sein, als befriedete Zeugen des allmächtigen Gottes, als Menschen ohne Begehrlichkeit und ohne Verachtung. Es ist unsere Freundschaft, die sie spüren lässt, dass sie von Gott geliebt und in Jesus Christus erlöst sind.“
Leben Christen anders? Mich bewegt immer neu die Frage, ob wir uns schon aufgemacht haben zu Umkehr, Neubesinnung und zu Taten der Liebe. Wenn wir auf den Spuren Jesu den Weg gehen wollen, dann müssen wir uns ehrlich bemühen, das Evangelium zu leben und durch konkrete Taten der Liebe zu bezeugen. Die österliche Bußzeit regt uns an zum Gebet, zum Fasten und zu Werken der Barmherzigkeit.
Die christliche Tradition kennt eine Siebenzahl von leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit, die den ganzen Menschen betreffen und konkreter Ausdruck der Liebe sind. Es ist gut, sie in Erinnerung zu rufen und zugleich das konkrete Leben danach zu befragen.
Die leiblichen Werke der Barmherzigkeit sind: