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Hirtenwort zur Adventsammlung „Bruder in Not“ 2005

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieser besondere Monat mit den vielen schönen christlichen Bräuchen ist ein Monat des Innehaltens und auch der Rückschau. Wie war dieses Jahr? Wie war es für mich, für meine Familie, für mein Land, wie war es in anderen Regionen der Welt? Viele von uns haben noch die Bilder der Überschwemmungen der Salzach oder in New Orleans vor Augen. Manche denken vielleicht auch an die Katastrophen in Afrika und den ärmsten Ländern unserer Welt, die weniger Schlagzeilen liefern, obwohl jeden Tag 24.000 Menschen an den Folgen von Hunger und Armut sterben. Diese Bilder erschrecken uns und stehen in extremer Spannung zu unserer Sehnsucht nach Stille, Geborgenheit und jenem Frieden, der in der Weihnachtsbotschaft verheißen wird.

Sollen wir an dieser Spannung verzweifeln? Nein, keineswegs! Denn es gibt auch viele Zeichen der Hoffnung. Etwa die Aktion „Offener Himmel“ im vergangenen Oktober in der Stadt Salzburg, wo viele Christinnen und Christen sich engagierten und den Menschen dieser Stadt ihre in Christus begründete Hoffnung bezeugten. Die zahlreichen geistlichen Bewegungen, die Freude und Zuversicht vermitteln, weil sie den lebendigen Jesus Christus erfahren haben. Die unzähligen sozialen und caritativen Initiativen in den Pfarren das ganze Jahr über, wo christliche Nächstenliebe konkret erfahrbar wird.

Ein solches Zeichen christlicher Nächstenliebe ist auch die jährliche Adventsammlung „Bruder in Not“ der Aktion SEI SO FREI der Katholischen Männerbewegung. Sie steht heuer unter dem Motto„fair handeln“. Ein Thema, das in unserer globalen Welt immer bedeutender wird. Besonders für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben ist faires und gerechtes Handeln wichtig. Was kann „fair handeln“ im Sinne christlicher Nächstenliebe heute alles bedeuten? Etwa, dem Nachbarn zu helfen, wenn sein Keller unter Wasser steht; den Aidswaisen in Uganda mit einer Spende einen neuen Anfang zu ermöglichen; biologische und fair gehandelte Lebensmittel zu erwerben, durch die den Bauern und Bäuerinnen ein gerechter Lohn gezahlt werden kann …

Faires Handeln ist ein Zeichen der Hoffnung. Jesus Christus fordert uns heraus, ohne uns zu überfordern. Er spricht uns persönlich an und möchte, dass wir uns den Nöten und Herausforderungen der Zeit stellen. Das Reich Gottes vermittelt Hoffnung und Zuversicht, weil die Liebe Gottes zu uns Menschen konkret erfahrbar wird. Wir sind eingeladen, Werkzeuge dieser Liebe Gottes zu sein.

Ein ausgewähltes Hoffnungsprojekt der Aktion SEI SO FREI möchte ich hier kurz vorstellen: Ronald Kiyemba im Dorf Kajjogi in Uganda ist zehn Jahre alt. Seit zwei Jahren ist er Vollwaise. Seine Mutter und sein Vater starben innerhalb der letzten vier Jahre. Sie hatten "die Krankheit", wie AIDS in Ostafrika genannt wird. Ronald und seine zwölf Geschwister wurden auf mehrere Verwandte aufgeteilt. Er kam zu einer seiner Tanten, doch diese hatte kaum genug für das Überleben der eigenen Kinder. Die Diözese Kiyinda-Mityana versucht, Kindern in solchen Situationen zu helfen: Ronald erhielt ein Schwein und zwei Säcke Futter vom Hilfsprogramm für Waisenkinder. Nun baut er selbst das Futter für das Schwein an, füttert und pflegt es. "Wenn es groß ist", sagt Ronald, "werde ich das Schwein verkaufen. Mit dem Erlös möchte ich dann wieder ein kleines Schwein kaufen und vielleicht auch ein neues Hemd, eine Hose und auch Schulmaterial." So trägt Ronald zu seinem Unterhalt bei. Das hilft ihm auch, über den Verlust seiner Eltern hinwegzukommen. Obwohl vom Schicksal schwer getroffen, kann Ronald wieder lächeln.

Ich möchte Sie bitten, mit der heurigen Adventsammlung dieses Hilfsprogramm für Waisenkinder zu unterstützen. Tausende Waisenkinder, die nichts für ihr Schicksal können, warten auf unsere Hilfe. Der Erfolg unserer kirchlichen Adventaktion SEI SO FREI liegt in den guten Kontakten zu den Projektpartnern begründet, die über Jahre hindurch aufgebaut worden sind und kontinuierlich gepflegt werden. Auf beiden Seiten arbeiten verlässliche Partnerinnen und Partner an einer fairen und gerechteren Welt. Auch in unseren Pfarren und Gemeinschaften gibt es viele engagierte Menschen, die sich vom Leid anderer berühren lassen. Das ist Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes, das der Apostel Paulus als „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17) beschreibt.

Freude zeigt auch das diesjährige Plakat der Aktion SEI SO FREI: ein Junge mit glänzenden Augen, der lachen kann, weil er in die Schule gehen darf und sein Leben selbst in die Hand nehmen kann. Freude ist ein Konzept der Lebensbejahung und der Glücksmomente im Alltag. Wir können durch unser Handeln kraftvolle Zeichen der Hoffnung und Schritte der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude setzen.

Die Botschaft des Advent ist eine Botschaft der Freude, des Friedens und der frohen Zuversicht, weil der Erlöser kommt. Gerade unsere Zeit bedarf auf vielfache Weise der Erlösung. Damit Christus sein Werk auch in unserer Zeit vollbringen kann, bedarf es offener Herzen. Deshalb gilt jedem von uns der Ruf: Bereitet dem Herrn den Weg, öffnet ihm eure Herzen, kehrt um und glaubt an das Evangelium! Dann wird die adventliche Freude auch bei uns Einzug halten und unser Leben von Hoffnung und Zuversicht erfüllt sein.

Es grüßt und segnet Sie, unser Land und alle Menschen in unserer Erzdiözese

euer

+ Alois Kothgasser Erzbischof

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