
Liebe Schwestern und Brüder – von Gott gerufen und gesandt!
Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben. Unsere Tage sind gezählt - wir können sie nicht vermehren. Aber wir können den Tagen, die uns geschenkt sind, mehr Leben geben. Aber wie? Jeder Mensch ist zum Leben berufen.
1. Das Leben ist Berufung. Jedes Leben ist Geschenk. Gott ruft ins Leben. Er bringt eine Geschichte in Gang. Mit jedem Menschenleben spricht Gott ein einmaliges Wort in die Geschichte. Von Gott, dem Schöpfer, erhält der Mensch als sein Abbild Anerkennung und Lebensrecht. „Deine Augen sahen, wie ich entstand. In deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war“ (Ps 139,16).
Gott hat jeden Menschen in ein einzigartiges persönliches Leben gerufen (vgl. Jer 1,5). In jedem Menschenantlitz begegnen wir darum Gott. Wie anders sieht ein Mensch aus, wenn wir mit dieser Einstellung auf ihn zugehen.
Mit jedem Menschen hat Gott etwas Besonderes vor. Nicht umsonst sagt der russische Schriftsteller Leo Tolstoi: „Liebe deine Geschichte. Sie ist der Weg, den Gott mit dir gegangen ist.“ Dieses Geheimnis der eigenen Lebensgeschichte zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen, darin liegt unser Auftrag.
Gott beruft zum Leben. Darum ist das Leben Berufung. Diese Berufung geht der Berufung zum Christsein voraus.
2. Die Berufung zum Christsein Die Bibel ist voller Berufungs- und Aufbruchsgeschichten. Gott ruft mit der Stimme der Sehnsucht im eigenen Herzen, im Anruf anderer Menschen, im Geheimnis seines unmittelbaren Wirkens. In der Geheimen Offenbarung heißt es: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten …“ (Offb 3,20).
Ein Musterbeispiel der Berufung ist Abraham, der Vater aller Glaubenden, der in die Unsicherheit der Fremde gerufen wird. Er kann sie nur im Glauben an die Verheißung und die Treue Gottes bestehen. Wenn Gott ruft, erwartet er eine Antwort. Das zeigt sich deutlich in der Berufung Samuels (vgl. 1 Sam 3). Samuel stellt sich zur Verfügung. Er sagt: „Hier bin ich!“ Zugleich drückt Samuel seine Bereitschaft aus: „Rede, Herr, dein Diener hört!“
Nicht selten gibt es in den Berufungsgeschichten der Bibel Einwände, die der Berufene vorbringt: Ich bin zu jung, ich kann nicht reden, ich bin ein Sünder. Gottes Antwort lautet beim Propheten Jeremia: „Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten“ (Jer 1,7f).
Jesus ruft die Apostel, damit sei bei ihm seien und er sie sende. Jesu Ruf wendet sich an alle. Christsein bedeutet Hinkehr zu Jesus. ER ruft in die Jüngerschaft und Nachfolge. Im Lukasevangelium (10,1-2) lesen wir: „Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ Der Herr sucht, er beruft, er erwählt, er sendet. Es ist seine Ernte! Jede christliche Berufung ist Berufung zum Dienst.
3. Berufen zum Dienst Jesus ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen (Mk 10,45). Christsein ist Berufung zum Dienst. Inmitten des Volkes Gottes gibt es viele Dienste. Gott braucht Menschen. Gott ruft zum Dienst in der Familie. Gott ruft in den Dienst der Pfarrgemeinden. Er ruft zum Dienst in der Pastoral, im Religionsunterricht, in Wissenschaft, Kunst, Kultur und Politik, in Caritas und anderen Hilfswerken.
Der Weg des Glaubens und der pastoralen Dienste wird aber nur gelingen, wenn es ein Mit- und Füreinander aller Berufungen gibt. Ein Nebeneinander oder gar Gegeneinander bedeutet die Zerstreuung der Herde Christi.
4. Nachfolge und Sendung Immer wieder bewegt mich die Frage: Was ist los mit unseren Pfarrgemeinden, mit unserer Kirche, dass so wenig junge Menschen auf den Gedanken kommen, Ordensleute oder Priester zu werden?
Die „geistliche Berufung“ mit Weihe (Diakon, Priester, Bischof), zum Ordensleben mit Gelübden oder in anderen Formen der Hingabe will Jesus als Weg zum Leben radikal und zeichenhaft sichtbar machen. Die Hauptsorge dieser Berufungen ist, Gott zu den Menschen zu bringen und die Menschen zu Gott.
Wir werden in der Diözese das Anliegen „geistlicher Berufungen“ mit großem Ernst neu aufnehmen und fördern. Ich bitte alle Pfarrgemeinden, Ordensgemeinschaften und Bewegungen, jede Woche eine Stunde Anbetung beim Herrn im Sakrament seiner eucharistischen Gegenwart zu halten. Dabei geht es vor allem um das Hören und das Dasein vor IHM. Wo dies geschieht, zeigen sich Früchte einer tieferen Gemeinschaft mit Gott und im Dienste am Menschen. In einigen Pfarren und Gemeinschaften in Stadt und Land wird eine solche Anbetung schon gehalten.
In jedem Pfarrgemeinderat soll ein Mitglied die Sorge um die kirchlichen und geistlichen Berufe übernehmen. Ich träume davon, dass künftig jedes Jahr aus jedem Dekanat ein Priester, ein Ordensmann, eine Ordensfrau, ein Mitglied eines Säkularinstituts oder einer geistlichen Gemeinschaft und viele kirchliche Berufe hervorgehen. Das gäbe Hoffung für die Zukunft der Kirche in Salzburg, damit sie „Salz der Erde“ ist.
Ein Erzbischof aus Afrika erzählte mir, dass er auf seinen Reisen in die Dörfer immer wieder gebeten wurde, einen Priester zu senden. Seine Antwort lautete: „Ich bin nicht der Priestervater oder die Priestermutter. Das seid ihr!“
Ich danke den Priestern, Ordensleuten wie auch allen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf allen Ebenen für ihren Einsatz und bitte alle um die Mitarbeit in der gemeinsamen Sorge um die Zukunft unserer Kirche für die Hoffnung der Welt. Je mehr wir alle unsere je eigene Berufung neu entdecken und ihr folgen, desto eher wird auch das christliche Leben neu Gestalt gewinnen in unserem Land.
Gott segne unseren Weg: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Dr. Alois Kothgasser
Erzbischof
Salzburg, am 2. Februar 2004