
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Für die Fastenzeit in diesem Jahr 2008 habe ich ein großes Anliegen: Suchen wir Versöhnung! Strecken wir die Hand zu einem Neuanfang aus! Vergeben wir einander!
Aus persönlichen Gesprächen weiß ich, wie sehr manche Menschen unter Streitigkeiten zu leiden haben, wie belastend ein Konflikt ist, wie quälend es sein kann, wenn wir gegen jemanden Groll hegen; wie dieses Gefühl von Missgunst und Ablehnung in uns arbeitet, Kraft bindet, vom Wesentlichen abhält, Selbstmitleid und sogar eine Haltung der Feindseligkeit hervorbringt. Die meisten von uns kennen solche nagende Konflikte. Manchen von uns ist vielleicht Unrecht geschehen, Unrecht durch einen Menschen, der sich als selbstsüchtig und auf seinen eigenen Vorteil bedacht erwiesen hat. Da stehen wir vor der großen Herausforderung, in einem solchen Fall menschliche Größe zu zeigen. Wenn uns Unrecht angetan wurde und wir eingeladen sind, die Hand zur Versöhnung auszustrecken, dann ringt uns das einen Akt des Verzichts auf eigene Macht und eigenen Vorteil ab. Die Bereitschaft zur Vergebung ist die Bereitschaft und Ermöglichung eines Neuanfangs. Dazu lädt die Fastenzeit in besonderer Weise ein.
Papst Leo der Große hat in einer Predigt zur Fastenzeit deutliche Worte gefunden: „Lasst uns also in diesen Tagen der heiligen Fastenzeit die Werke der Nächstenliebe, die uns immer am Herzen liegen sollen, in noch ausgiebigerem Maße üben! ... Erbarmung trete an die Stelle der Strenge, und Nachsicht ersticke alle Rachsucht! ... Denn nur wer anderen ihre Sünden verzieh, sollte auf eine Nachlassung seiner eigenen rechnen dürfen ... Lasst uns … beseitigen, was die Zwietracht schürt und zu Feindschaft aufstachelt!“ (Sermones 41,3)
Die Fastenzeit ist eine besondere Zeit, in der wir uns und unser Leben erneuern können und wollen. Es ist eine Zeit, in der wir auch unsere Beziehungen neu ordnen können und wollen. Denn unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wirken sich auf unsere Beziehung zu Gott aus, wie es ja auch Jesus in der Bergpredigt ganz deutlich sagt: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere die Gabe“ (Mt 5,23f). Gott lädt uns zur Versöhnung ein – zur Umkehr. Jesus spricht hier ganz wörtlich davon, dass wir uns umdrehen und zu dem Menschen hingehen sollen, mit dem wir uns verfeindet haben. Diese Umkehr zu heilen Beziehungen ist gleichzeitig eine Umkehr zu Gott. Diese Einladung zur Umkehr gilt besonders in der Vorbereitungszeit auf Ostern. Wäre es nicht schön, wenn wir Ostern ohne jeglichen Groll auf einen Menschen feiern könnten?
Das Vergeben ist so schwer, dass es unsere bloß menschlichen Kräfte zu übersteigen scheint. Versöhnung geht von Gott aus! Hier hilft das Beten, etwa das „Vater unser“, besonders die Vergebungsbitte: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Es zeigt große Wirkung, regelmäßig für diejenigen zu beten, von denen wir uns angefeindet fühlen. Es zeigt große Wirkung, über die Menschen, die uns übel wollen, gerade nicht herabsetzend zu reden, sondern sie in ein gutes Licht zu rücken. Es zeigt große Wirkung, wenn wir auf Akte der Vergeltung verzichten. Es zeigt große Wirkung, wenn wir uns selbst unsere Schwächen eingestehen. Selbstgefälligkeit ist ein großes Hindernis auf dem Weg zu Gott und auf dem Weg zu unseren Mitmenschen.
Ein solches Hindernis ist auch die Angst: Im Alten Testament, im ersten Buch Samuel wird von der Feindschaft zwischen Saul und David erzählt. Wir erfahren, dass diese Feindschaft von Saul genährt wird, weil er Angst vor David hat. Wir erfahren, wie David die Hand zur Versöhnung ausstrecken kann, weil er sich von Gott beschützt und getragen weiß – und gerade keine Angst vor Saul zu haben braucht. Vergeben können hat viel mit Mut zu tun und mit dem Geschenk der Furchtlosigkeit. In jeder Feindschaft schwingt immer ein Moment der Angst mit. Davon kann uns Gott befreien, der uns immer wieder in der Heiligen Schrift zuruft: „Fürchtet euch nicht!“ Nicht von ungefähr lesen wir im ersten Johannesbrief: „Furcht gibt es in der Liebe nicht, denn die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1 Joh 4,17f). Aus der Kraft der Liebe können wir unsere Angst vor Menschen, mit denen wir im Streit stehen, überwinden. Wenn wir einen Neuanfang anstreben, dann ist die Suche nach Orten, an denen wir Vergebung erbitten oder Vergebung anbieten sollten, ein wichtiger Schritt. Welchen Menschen haben wir Unrecht getan? Gibt es hier Möglichkeiten, die Hand zur Versöhnung auszustrecken? Ein Brief? Eine Einladung? Ein unerwartetes Geschenk? Haben wir schon erfahren, wie heilend es ist, eine aufrichtige, ehrliche Beichte abzulegen und Lossprechung zu erfahren? Haben wir schon erfahren, wie heilend es sein kann, einmal mit Worten auszudrücken, welche Lasten wir aus vergangenem Unrecht tragen, Lasten unserer Verfehlungen? Haben wir schon erfahren, wie heilend es sein kann, unsere Schuld vor Gott zu tragen?
In seinem Apostolischen Schreiben über die Versöhnung aus dem Jahre 1984 schreibt Papst Johannes Paul II., dass „die kostbarste Frucht der Vergebung, die im Bußsakrament empfangen wird, in der Versöhnung mit Gott besteht; sie vollzieht sich in der Verborgenheit des Herzens des verlorenen und wieder zurückkehrenden Sohnes, wie es jeder Beichtende ist. Man muss zugleich hinzufügen, dass diese Versöhnung mit Gott gleichsam noch andere Arten von Versöhnung zur Folge hat, die noch andere von der Sünde verursachte Risse heilen: Der Beichtende, dem verziehen wird, wird in seinem innersten Sein mit sich selbst versöhnt, wodurch er seine innere Wahrheit wiedererlangt; er versöhnt sich mit seinen Brüdern und Schwestern, die von ihm in gewisser Weise angegriffen und verletzt worden sind; er versöhnt sich mit der Kirche und der ganzen Schöpfung“ (Reconciliatio et Paenitentia 31,V).
In der Beichte können wir Lasten ablegen und dadurch befreit in ein neues Leben umkehren. Darf ich euch einladen, in der Fastenzeit die Erfahrung einer Beichte, eines Beichtgesprächs zu suchen? Der Segen für das eigene Leben und das der Mitmenschen wird nicht ausbleiben. Unsere Welt braucht Versöhnung und Frieden!
Die Fastenzeit ist eine besondere Zeit, eine Zeit der Versöhnung mit Gott und untereinander; eine Zeit, in der wir an unserer Freundschaft mit Gott bauen und die Liebe zueinander stärken. Dazu bedarf es konkreter Schritte. Auch wenn es um eine innere Umkehr des Herzens geht, sind hier äußere Taten besonders wichtig für einen Neuanfang – das Fasten, kleine Akte des Verzichts, regelmäßiges Gebet, konkrete Taten der Liebe.
Auch ich werde diese Fastenzeit nutzen zur Erneuerung, zur Umkehr, zur Versöhnung, zu Liebe. Wir sind gemeinsam auf dem Weg zu Christus und den Mitmenschen – gestärkt durch den Segen des Drei‐Einen Gottes: des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes,
euer Erzbischof
Salzburg, am Fest der Darstellung des Herrn, 2. Februar 2008