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Hirtenwort zur Aktion SEI SO FREI im Advent 2007

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir sind wieder im Advent - einer Zeit der Ruhe und Stille, der Erwartung und der Besinnung, was wirklich wichtig ist in unserem Leben: Advent ist die Zeit der Vorfreude, dass der Sohn Gottes in einem kleinen Kind Mensch geworden ist. In diesem Kind zeigt sich, dass Gott nicht fern, sondern ganz nah bei uns Menschen ist.

Vielerorts ist die vorweihnachtliche Zeit geprägt von Hektik und Unruhe. Die Weihnachtsfeiern und Weihnachtsgeschenke beschäftigen uns. Wir meinen, zu Weihnachten müsste alles perfekt sein. Was steht hinter dieser ungewöhnlichen Betriebsamkeit? Einerseits wollen wir natürlich unseren Lieben Freude schenken, andererseits steckt manchmal wohl auch eine tiefere menschliche Angst dahinter: „Habe ich mich genügend um diejenigen gekümmert, für die ich verantwortlich bin?“ Oder: „Was wird im kommenden Jahr alles passieren, das ich nicht unter Kontrolle habe?“ Es gibt zahllose Ängste in unserem Leben. Viele dieser Ängste engen uns ein, sie machen uns unfrei und hindern uns am aktiven Handeln.

Liebe Brüder und Schwestern, die Weihnachtsbotschaft ist eine befreiende Botschaft. Im Weihnachtsevangelium hören wir, wie der Engel des Herrn den Hirten erscheint. Im ersten Moment haben die Hirten Angst. Doch der Engel spricht: „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude“ (Lk 2,10). Dieser Satz nimmt ihnen die Angst. Sogleich machen sie sich auf, das neugeborene Kind zu sehen. Sie sind im Herzen so berührt, dass sie es allen weitererzählen und die Größe Gottes preisen. Die Hirten konnten das göttliche Kind finden und so Glück und Frieden erfahren.

Diese weihnachtliche Freude macht uns Christen stark. Unser Glaube ermöglicht uns, mutig zu handeln – auch dort, wo andere verzweifeln. Viele Christen haben Großes vollbracht. Etwa der einfache Bauer Franz Jägerstätter, der am 26. Oktober dieses Jahres selig gesprochen worden ist. Oder auch die beiden Schwestern Moises aus dem Gasteinertal, die in Kolumbien unvergleichliche Aufbauarbeit geleistet haben und für deren Werke in diesem Advent ganz besonders gesammelt wird.

Die Aktion SEI SO FREI der Katholischen Männerbewegung handelt und unterstützt dort, wo andere verzweifeln. Mit den Spenden aus der Adventsammlung „Bruder in Not“ konnte in den letzten fünf Jahrzehnten kontinuierlich Hilfe und Aufbauarbeit geleistet werden. Heuer wird besonders für die Waisenkinder in Brasilien und Kolumbien gesammelt.

Der zwölfjährige Edson war eines von Millionen Straßenkindern. Er schlief unter Brücken und schnüffelte Klebstoff, der langsam sein Gehirn zu zersetzen begann. Eines Tages hörte er vom Waisenhaus des österreichischen Paters José Hehenberger. Er ging hin und wurde liebevoll aufgenommen. 158 Kinder werden gemeinsam mit Edson betreut. Sie bekommen eine warme Mahlzeit und im Krankheitsfall Medikamente. Edson hat mehr als nur ein Dach über dem Kopf gefunden: Er hat ein neues Zuhause.

Hilfsprojekte wie dieses sind ein wesentlicher Teil unseres christlichen Auftrags. Sie zeugen von lebendigem Glauben. Denn wer in Jesus eintaucht, taucht neben den Armen wieder auf. Wenn wir geben, geschieht das nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus freiem Willen. Wir nehmen unsere Schwestern und Brüder in der „Dritten Welt“ ernst. Wir schenken ein Stück unseres materiellen Glücks und leisten auf diese Weise einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Frieden.

Wenn wir zu Weihnachten auf das Christuskind schauen, können wir uns freuen. Denn Jesus Christus nimmt uns unsere Ängste, schenkt Hoffnung und ermöglicht uns eine Gemeinschaft, in der die Liebe im Zentrum steht. Eine Liebe, die uns auch mit unseren Brüdern und Schwestern in Afrika oder Lateinamerika verbindet.

Ich grüße und segne Sie alle in vorweihnachtlicher Freude

Ihr

Dr. Alois Kothgasser Erzbischof